Was motiviert Reisende eigentlich dazu, den Nachtzug für eine Städtereise zu nutzen? Diese Fragestellung habe ich für meine Masterarbeit im Studienfach Wirtschaftspsychologie genauer untersucht. Eine Zusammenfassung der Studie möchte ich euch hier präsentieren:
Nachtzugreisen: die entspannte Art zu Reisen
Schnell mal über das verlängerte Wochenende nach Paris, Rom oder Wien fliegen. Dank Billigairlines wie Ryanair oder EasyJet haben Städte-Kurzurlaube in das europäische Ausland in den letzten Jahren enorme Beliebtheit erfahren. Doch auch diese Reisen haben ihren Preis. Die Folgen des Klimawandels durch den Anstieg der Treibhausgasemissionen sind nicht mehr zu übersehen und daran tragen Flugreisen einen erheblichen Anteil. Für eine Städtereise von Frankfurt am Main nach Wien (Entfernung ca. 715 km) bedeutet dies konkret: mit dem Flugzeug werden pro Passagier ca. 240 kg CO2 ausgestoßen (Hin- und Rückflug), mit dem ICE der Deutschen Bahn (DB) nur 10 kg CO2 (Quelle).
>> Alle europäischen Nachtzugziele im Überblick
Bei einer solchen Entfernung vom Flugzeug auf den Zug umzusteigen, ist für viele trotzdem keine Lösung. Denn 6,5 Stunden im Zug zu sitzen und dadurch den halben Tag zu verplempern, klingt erst einmal nicht sonderlich verlockend. Dies bestätigt auch eine Umfrage der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch e.V.. Laut den Ergebnissen sind 42% der Befragten zwar daran interessiert, zukünftig den Zug statt das Flugzeug für Reisen zu nutzen, aber nur 25% ziehen eine Zugreise in Betracht, die länger als fünf Stunden dauert (Quelle).
Nachtzüge: Auferstanden von den Toten?
Und da kommen die Nachtzugreisen ins Spiel. Einfach abends im Stadtzentrum einsteigen, die Reisezeit schlafend in einem frisch bezogenen Bett „verplempern“ und morgens am Zielort ausgeschlafen aussteigen – und das auch noch mitten im Stadtzentrum. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch unglaublich entspannt.
Nachtzüge gibt es in Deutschland seit über 150 Jahren und sie waren in den 1950er-Jahren ein beliebtes Transportmittel, um in den europäischen Süden zu reisen. Doch dann kamen erst die Hochgeschwindigkeitszüge, dann die Billigflieger und schließlich die Fernbusse und von Nachtzügen war seit den 2010er-Jahren nicht mehr viel zu sehen.

Doch seit ein paar Jahren sind Reisen in den tot geglaubten Nachtzügen auf einmal wieder beliebt. Das merkt auch die Österreichische Bundesbahn (ÖBB), die mit ihren 20 Linien aktuell der größte Betreiber von Nachtzügen in Europa ist. Über 1,5 Millionen Passagiere reisen jährlich mit den Nightjets der ÖBB, Tendenz steigend (Quelle).
Nachtzugreisen: eine Reiseform aus Überzeugung
Grund genug, einmal genauer zu untersuchen, was Reisende überhaupt motiviert, den Nachtzug zu nutzen. So viel schon mal vorweg, der Preis ist es nicht. Vielmehr sind Nachtzugreisen eine Entscheidung aus Überzeugung. Eine Entscheidung für mehr Gemütlichkeit beim Reisen, für mehr Komfort und natürlich auch für ein besseres Gewissen.
Für meine Masterarbeit im Studienfach Wirtschaftspsychologie habe ich im Frühjahr 2022 eine Online-Studie durchgeführt, um zu untersuchen, welche Faktoren die Entscheidung beeinflussen, eine Städtereise mit dem Nachtzug zu unternehmen.
Meinung: Nachtzugreisen sind umweltfreundlicher, aber auch teurer
Zunächst erst einmal ein paar Fakten zu den Studienteilnehmern: Insgesamt habe ich 446 Personen befragt (48% sind weiblich und 52% männlich), die überdurchschnittlich gebildet sind (knapp 68% haben einen Uniabschluss) und auch eher wohlhabend sind (knapp 29% haben ein monatliches Nettogehalt von 4.000 € oder mehr).
Generell bewerten die Studienteilnehmer Nachtzugreisen nicht nur als umweltfreundlicher, sondern auch als eher sicherer, stressfreier, bequemer und aufregender als Reisen im Flugzeug oder Auto. So weit, so positiv. Erwähnt werden muss aber auch, dass Nachtzugreisen als teurer eingeschätzt werden als vergleichbare Reisen mit dem Flugzeug oder Auto. So sind auch alle Nachtzug-Reiseangebote, die in der Studie bewertet werden mussten, durchweg durchgefallen. Dazu muss aber gesagt werden, dass ich mich bei den Reiseangeboten nur auf Fahrten im teuren Schlafwagen fokussiert habe und nicht auch auf die günstigere Alternative im Liegewagen.
Nun aber zu den Hauptergebnissen der Studie: Warum entscheidet man sich denn nun überhaupt für eine Nachtzugreise? Zum einen, nicht sehr überraschend, weil man diese Reiseart gut findet. Zusätzlich motiviert auch der Einfluss Dritter (wie steht mein persönliches Umfeld zu dem Thema?) sowie, damit zusammenhängend, die wahrgenommene moralische Verpflichtung. Also fühle ich mich persönlich dazu verpflichtet, den Nachtzug für eine Städtereise zu nutzen, z. B., um einen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten?

Generell wird bei den Ergebnissen deutlich, dass Frauen, junge Menschen (bis 25 Jahre) sowie Menschen mit einem geringen monatlichen Nettoeinkommen (bis 1.500€) Nachtzugreisen deutlich positiver gegenüberstehen als ältere Menschen (ab 58 Jahre) und Menschen mit einem hohen monatlichen Nettoeinkommen (4.000€ oder mehr). Die Ergebnisse lassen sich zum einen damit erklären, dass das Umweltbewusstsein bei Frauen und jungen Menschen in der Regel deutlich höher ist als bei Männern und älteren Menschen. Dies hat sich in meiner Studie auch bestätigt.
Die neuen Nachtzüge überzeugen mit viel Komfort
Anzunehmen ist auch, dass die älteren Studienteilnehmer und Teilnehmer mit einem monatlichen Nettoeinkommen von über 4.000 € – die zu 65 % auch über 50 Jahre alt sind – bei der Beantwortung von ihren Nachtzug-Erfahrungen aus der Kindheit beeinflusst wurden. Also zu einer Zeit, als die Züge noch wirklich jeden Komfort vermissen ließen. Zumindest für die Normalsterblichen unter uns. Der Komfort lässt sich auch heutzutage immer noch steigern, aber es tut sich was. Die 33 neuen Nachtzüge, die bei der ÖBB ab dem Spätsommer 2023 auf die Schiene kommen sollen, locken mit zahlreichen Verbesserungen:
- Alle neuen Züge verfügen über kostenloses WLAN
- Die Betten in den Schlaf- und Liegewägen sind nun fix montiert und müssen nicht mehr vom Schaffner aus- bzw. eingeklappt werden
- Alle Abteile der Schlafwägen verfügen über eine eigene Toilette sowie Duschmöglichkeit
- In den Abteilen der Schlafwägen gibt es eine gemütliche Sitzgelegenheit zum Arbeiten, Lesen oder Essen
- Alle Abteile verfügen über Steckdosen sowie USB- & induktive-Ladestationen
- Im ÖBB OnBoard-Portal Railnet können Reisende surfen, streamen und das digitale Zeitungs- und Zeitschriftenangebot kostenlos nutzen
- Im neuen Multifunktionswagen gibt es Fahrradstellplätze sowie mehr Platz für Gepäck
Für Alleinreisende, die das Abteil nicht mit fremden Menschen teilen möchten, gibt es in den neuen Zügen zudem so genannte Mini Cabins, die an ein japanisches Kapselhotel erinnern, aber abschließbar sind und die nötige Privatsphäre bieten.
Alte muffige Abteile gehören zumindest bei der ÖBB also bald der Vergangenheit an. Wenn jetzt auch noch die Buchbarkeit vereinfacht wird – zum Beispiel, dass einem auf ameropa.de der Nachtzug als Reiseoption angeboten wird (ist ja schließlich ein Reiseportal für Bahnreisen) – dann werden auch Reisende, die den Nachtzug bislang nicht auf dem Schirm haben, merken, dass der Nachtzug vielleicht doch (wieder) eine Option ist.
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